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05.03.2017

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Hamburg Cyclassics 2016 - 100 km

Die Anreise zur 21ten Ausgabe der Hamburg Cyclassics, diesmal unter dem Namen des neuen Sponsors als EuroEyes Cyclassics, verlief wie im Vorjahr extrem zäh und dauerte inklusive einer halbstündigen Mittagspause an einem Autohof neben dem Stau etwa fünf Stunden. Betroffen war die Strecke von Hannover nach Hamburg mit vielen Kilometern Schleichfahrt vor einer kaum zwei Kilometer langen Baustelle. Und als diese endlich durchquert war, gab es über weitere zwanzig Kilometer einen mehrfachen Wechsel zwischen Stillstand und Tempo 100 ohne erkennbaren Grund. Vermutlich wären Axel und ich mit dem Rennrad schneller von Hannover nach Hamburg gekommen!

Endlich am Hotel angekommen stand dort leider kein Parkplatz mehr zur Verfügung, ebensowenig wie im nah gelegenen Parkhaus. Nach einer Odysee um die Innenstadt von Hamburg herum im schönsten Samstagnachmittagsverkehr stellte ich mich letztendlich vor die noch immer verschlossene Schranke des Parkhauses und wartete maximal fünf Minuten, bis endlich jemand hinausfuhr und wir einen freien Stellplatz fanden.

Nach einer kurzen Pause in den Zimmern der beiden nur wenige hundert Meter auseinander liegenden Hotels gingen wir zur Abholung der Startunterlagen in einer Mischung aus Sonnenschein und Wolken. Die Akkreditierung fand in diesem Jahr auf Grund von Bauarbeiten nicht am Gänsemarkt statt sondern direkt neben dem Ziel auf der Mönckebergstraße. Nach einer Runde über die Radmesse an der Binnenalster und einem leichten Abendessen ging es relativ früh ins Bett. Nur die nicht abschaltbare Klimaanlage störte noch einige Zeit meinen Schlaf. Im Fernsehen lief dazu der vorletzte Tag der Olympischen Sommerspiele.

Am frühen Morgen klingelte um 6:00 Uhr der Wecker, das Frühstücksbuffet öffnete um 6:30 Uhr. Dort saßen zu dieser Zeit schon eine Reihe von Rennradfahreren, teilweise bereits in voller Montur. Um 8:00 Uhr traf ich Axel vor dem Hotel, zusammen rollten wir den Kilometer bis zum langen Startbereich. In Hamburg ist das Einrollen immer wieder schwierig, denn um den Startbereich herum sind nur wenige kurze Straßenabschnitte abgesperrt.

Wir starteten beide in Block J, dem zehnten und letzten Block mit 500 Teilnehmern, gefolgt von weiteren fünf Blöcken mit jeweils bis zu 1500 Teilnehmern. Die Aufteilung erfolgt nach der bei der Anmeldung anǵegebenen erwarteten Durchschnittsgeschwindigkeit, die wir beide mit 34 km/h eingetragen hatten. Der inoffizielle Start mit der neuralen Einrollphase erfolgte mit nur wenigen Minuten Verspätung gegenüber dem Zeitplan und führte von unserem Startblock am Klosterwall hinunter zur Shanghaiallee, wo die Zeitmessung mit dem offiziellen Start begann.

Axel und ich blieben vorerst nah beieinander und fuhren dann nach einigen Kilometern nebeneinander über die Köhlbrandbrücke. Überraschenderweise schossen noch vor dem Gipfel der knapp über 50 Meter hohen Brücke, so die Höhenangabe meines Garmin.Fahrrad-Computers, die ersten Leute aus dem uns nachfolgenden Block K an uns vorbei. Wir fuhren dann mit bis zu 50 km/h die Brücke wieder hinunter und blieben auch auf den nächsten Kilometern in südlicher Richtung zusammen.

Etwa bei Kilometer 20 begann die Bergwertung, eine gesondert abgenommene Zeitmessung über 3.2 Kilometer und einen Anstieg von 90 Metern Höhe. Meine Planung zur Krafteinteilung im Rennen sah hier eine Höchstleitung vor, danach wollte ich mich ausruhen und später wieder normal fahren. Also drückte ich mit dem Überqueren der Meßlinie die Pedale voll durch und beschleunigte innerhalb von knapp 200 Metern von 27 km/h auf 40 km/h bei einer wohlgemerkt leichten Steigung von ein bis zwei Prozent. Axel folgte mir und wir wechselten uns auf den ersten beiden Kilometern mehrfach mit der Führung ab. Unsere Geschwindigkeit blieb auf den ersten 2000 Metern um die 35 km/h herum und fiel dann bei mir nach 2100 Metern unter 30 km/h. Bis dahin hatte ich den Puls die ganze Zeit im obersten Bereich von 175 bis 180 getrieben, nun zog die Steigung aber langsam an auf drei bis vier Prozent und die Kraft ging aus. Erst bei 2800 Metern fiel meine Geschwindigkeit auf unter 20 km/h. Axel hatte mich zwischendurch kurz aus den Augen verloren, kam aber auf den letzten hundert Metern wieder an mich heran, als die Steigung bis zu sechs Prozent erreichte, und überquerte den Gipfel nur zwei Sekunden nach mir. Durch unsere gewissermaßen verrückte aber auf jeden Fall sehr zufrieden stellende Aktion kamen wir in der Bergwertung auf Plätze um 1300-1400 und damit um 2000 Plätze besser als in der Gesamtplatzierung. Auf der folgenden Grafik ist das Höhenprofil mit meiner Geschwindigkeit und dem Pulsverlauf zu sehen.

Nach dem Gipfel ging ich umgehend in den Ausruh- und Rollmodus über, nahm mir einen Energieriegel und kippte einiges Wasser hinunter. Axel fand Anschluß an eine kleine Gruppe, ich ließ sie aber ziehen und radelte die nächsten Kilometer sehr locker vor mich hin ohne mich am Überholtwerden zu stören. WObei das Hinrollen noch immer mit Geschwindigkeiten zwischen 20 und 45 km/h in welligem Gelände erfolgte, bevor es von Kilometer 29 bis 31 noch einmal hinauf ging bis zum höchsten Punkt des Rennens mit etwa 145 Höhenmetern. Anschließend ging es sechs Kilometer lang bergab und dann bis Kilometer 50 mit kleineren Wellen weiter hinunter. Durch die vielen Waldgebiete war der Gegenwind von Stärke 4-5 aus südlichen Richtungen glücklicherweise kaum zu spüren. Die mehr oder weniger großen Gruppen sorgten die ganze Zeit für Windschatten. Schließlich drehte die Hauptfahrtrichtung nach Osten. Durch das entspannte Fahren kehrte meine Kraft wieder und ich konnte mich in den wechselnden Gruppen oder vielmehr in den dünneren oder dickeren Bereichen der langen Schlange von Teilnehmern halten.

Bei Kilometer 57 lag der hervorragend ausgestattete Verpflegungsbereich, der auf einer Länge von fast 50 Metern Fahrradständer, Mülleimer, Iso-Getränke und Wasser sowie halbe Bananen und auch Dixie-Klos bot. Ich ließ eine meiner beiden Trinkflaschen wieder auffüllen und schob mir eine halbe Banane rein. Die knapp über 20 Grad bei meistens wolkenfreien Himmel waren sehr angenehm für das Rennen, aber das Wasserbedarf war dadurch auch nicht zu hoch. Axel sagte später, er hätte mich auf den Platz kommen sehen, als er am anderen Ende gerade wieder zur Straße schob.

Das Einfädeln in den Verkehr der an der Verpflegungsstelle vorbei fahrenden Teilnehmer klappt durch die Einweiser sehr gut und sicher. Kurze Zeit später fuhr ich auf einen Rennradfahrer auf, der das gleiche grüne Trikot der Tour d'Energie trug wie ich. Wir fuhren ein paar Kilometer nah beieinander und ich fragte ihn schließlich, ob er auch aus Göttingen käme. Schließlich blieb er hinter mir zurück. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt raste eine extrem schnelle Gruppe aus Block O an mir vorbei, wohl zehn Rennradfahrer in Mannschaftskleidung, die in der Gesamtabrechnung sicherlich einen Schnitt von 40 km/h hingelegt hatten. Ansonsten sah ich gegen Ende des Rennens noch einige Teilnehmer aus Block M, die ja alleine auf Grund der Startzeit schon 20-25 Minuten schneller gefahren sind als ich.

Als die dritte Stunde des Rennens anbrach, zeigte mein Garmin ziemlich genau 65 Kilometer. Um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen und unter drei Stunden Fahrzeit für die 100 Kilometer zu bleiben, mußte ich also die letzten 35 Kilometer in weniger als 60 Minuten zurücklegen. Sogleich beschleunigte ich etwas und griff den Lenker in der Folgezeit fast ausschließlich tief. Inzwischen schob der Rückenwind gut, während die Streckenführung sich wieder Hamburg näherte und die Ortschaften größer wurden. Der letzte kleine Anstieg bei Kilometer 71 wurde problemlos überrollt. Die zwei jeweils bis zu zehn Meter langen Kopfsteinpflasterpassagen in Harburg und mehrere Fahrbahnverengungen und enge Kurven bildeten für die vielen Fahrer um mich herum keine Hürden, aber die Abstände waren groß genug, um keine Gefahr aufkommen zu lassen.

Nun ging es langsam wieder in die Industriegebiete und bald in die Ausläufer des Hafens hinein. Es hatten sich wieder echte enger fahrende Gruppen gebildet, die an machen Stellen guten Windschatten und ansonsten eine hohe Geschwindigkeit boten. Bei Kilometer 87 gab es dann quasi direkt vor mir einen Massensturz! Die Gruppe umfaßte zu diesem Zeitpunkt sicherlich 20 Fahrer, ich fuhr in der zweiten Reihe ganz links und sah plötzlich die dominoartig von rechts außen her fallenden Mitfahrer. Vier oder fünf Fahrer fielen also quasi in meinen Augenwinkeln nach und nach um bei einer Geschwindigkeit von 41 km/h. Dem am weitesten links rollenden Teilnehmer gelang es durch einen Schlenker, der Dominokette zu entkommen, und ich selbst zog ebenfalls reflexhaft nach links und zog dann an meinem Vorfahrer vorbei. Hinter uns blieben die Geräusche der vielen fallenden Rennräder und stürzenden und kreischenden Menschen zurück. Beim kurzen Blick zurück sah ich nur noch eine rollende Vierergruppe vielleicht zehn Meter hinter mir und einen großen Haufen auf dem Boden, den ich auf die Schnelle nicht überblicken konnte. Es müssen aber mehr als zehn Leute gestürzt sein. Im vergangenen Jahr hatte ich fast an derselben Stelle Sturzfolgen gesehen: Und das auf einer sehr langen, absolut geraden und breiten mehrspurigen Strecke entlang der Eisenbahnschienen. Als Erklärung können eigentlich nur Übermüdungserscheinungen und Konzentrationsschwächen dienen.

Nach der Schrecksekunde rollte ich noch immer mit 37 km/h dahin, hatte gar nicht so schnell bremsen können sondern nur aufgehört zu treten. Die Übriggebliebenen beschleunigten dann aber wieder und nahmen sich den letzten Streckenabschnitt durch den Hafen vor. Mein Puls nahm von nun an bis ins Ziel langsam weiter zu von 140 beim Sturz bis auf 180 auf der Zielgeraden. Tief in den Lenker gegriffen fuhr ich die letzten 13 Kilometer mit voller Kraft und überholte dabei zahlreiche andere Teilnehmer, die vor allem auf den letzten Kilometern zum Bahnhof hoch mit knapp drei Prozenz Steigung, an der Binnenalster vorbei und schließlich die letzte Steigung mit wiederum zwei bis drei Prozent bis zum Axel-Springer-Platz eher rollten und von mir und ganz wenigen anderen immer wieder überholt werden mußten.

Auf den letzten paar hundert Metern vor dem Ziel machten die zahlreichen Zuschauer an den Banden einen Höllenlärm und trugen die bis an ihre Grenzen gegangenen Rennradfahrer über die Ziellinie. Das Feld rollte nun bis zu einem Sammelplatz, wo es Getränke und Teilnehmermedaillen gab. Nach vielleicht fünfzehn Minuten Pause mit Verpflegung und Iso-Drink fuhr ich dann zum Hotel, nahm eine Dusche und entspannte für eine Stunde.

Anfahrt auf die Köhlbrandbrücke Irgendwo im Hamburger Hafen
Zieldurchfahrt
Die drei Bilder stammen von Marathon-Photos.com und zeigen mich irgendwo vor der Köhlbrandbrücke, dann irgendwo im Hamburger Hafen und schließlich bei der Zieldurchfahrt.

Gegen 14 Uhr kamen Axel und seine Freundin zum Hotel, wir packten seine Sachen in mein Auto und gingen dann in die Innenstadt, um erst einmal ein ordentliches Mittagsmahl einzunehmen im gleichen Restaurant wie im vergangenen Jahr. Entweder schmeckt es dort wirklich so gut oder der Kalorienbedarf nach 100 Kilometern im Renntempo treibt alles rein. Nach dem Essen kam der Regen. Bis wir wieder am Zielbereich waren, schüttete es eine halbe Stunde lang. Wir suchten uns dann im langsam endenden Nieselregen rechtzeitig vor Eintreffen der Profis eine freie Position an den Banden etwa bei 185 Metern vor dem Ziel. Als die Sprinter ankamen, schwoll der Lärm der Zuschauer an den Banden wieder stark an. Ich zuckte unwillkürlich einen Schritt zurück, als die vordersten Sprinter quasi direkt vor mir an der Bande entlang zogen und der Rest des Feldes mit hohem Tempo folgte. Wie ich später auf den Videos des Zieleinlaufs sehen konnte, gab es einen Sturz mehrerer Profis vielleicht 20 Meter vor unserer Position, von dem wir wegen der leichten Biegung der "Zielgeraden" aber gar nichts mitbekamen. Der zunächst als Sieger ins Ziel fahrende Profi wurde nach mehreren Minuten wegen einer Welle zurückgesetzt, zu dem Zeitpunkt verließen wir den Zielbereich aber schon wieder und bewunderten in einer Nebenstraße die Mannschaftswagen mit den vielen teuren Rennrädern von Cofidis und FDJ. Wir konnten sogar einen Blick in den Lkw von Lotto werfen, in dem die ganzen Profirennräder hingen und mehrere Werkzeugkisten standen.

Begleitfahrzeug von Cofidis Begleitfahrzeug von FDJ

Der Rückweg am frühen Montagmorgen verlief dann bei wechselweise Sonnenschein und Wolken mit 2:45 Stunden sehr zügig, so dass ich um 10:30 Uhr in Bovenden eintraf und mich noch den ganzen Tag ausruhen konnte.

Statistik

Ins Ziel kamen 7316 Männer und 807 Frauen über 100 km mit Siegerzeiten von 2:20:35 Stunden bzw 2:21:06 Stunden sowie 1758 Männer und 63 Frauen über 160 km (154.3 km nach Streckenplan) und 4036 Männer und 1023 Frauen über 60 km.

Ich selbst belegte in der Gesamtwertung mit 2:58:12 Stunden den Platz 3547 von 7316 (Vorjahr 3179 von 7984), in der Altersklasse Männer Master 2 den Platz 1317 von 2446 (Vorjahr 1305 von 3008). Die eigene Zeitmessung ohne Verpflegungspause kam auf 2:55:54 Stunden für die 99.59 km mit ihren 549 Höhenmetern. In der Bergwertung landete ich mit 6:35 Minuten auf Platz 1330 (!), Axel folgte mit 6:37 Minuten auf Platz 1411. Axel fuhr 50 Sekunden vor mir ins Ziel ein und belegte mit 2:57:20 Stunden Platz 3386.
Die mittlere Herzfrequenz betrug 152 bpm bei einem Maximum von 181 bpm.
Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 34.0 km/h mit einem Maximum von 56.2 km/h.

Fotos und Videos

Es gibt mehrere Videos des Rennens, einige davon sind in dieser Liste: